The Frankfurter Rundschau (FR) – Im Iran sorgen Berichte über nicht identifizierte Frauenleichen für neue Diskussionen über den Umgang mit den Folgen der jüngsten Protestwelle und deren gewaltsame Repression. Im Mittelpunkt stehen widersprüchliche Darstellungen zwischen Studierenden, Behörden und Politik.
Mohammed Seradsch, Mitglied der Sozialkommission des iranischen Parlaments, kommentierte den Bericht einer Studierendenvereinigung in Teheran, wonach Dutzende Frauen in einem Leichenschauhaus in der Hauptstadt weiterhin unidentifiziert seien. „Weder ist jemand gekommen, um nach ihnen zu suchen, noch hatten sie Ausweisdokumente bei sich“, sagte der Abgeordnete der Nachrichtenagentur Ilna. Man müsse andere Wege suchen, die Leichen zu identifizieren, so Seradsch.
Studierende berichten nach Protesten aus Leichenhalle – Rechtsmedizin im Iran widerspricht Aussage
Die Aussagen lösten schnell Reaktionen aus. Die Organisation für Rechtsmedizin widersprach dem Bericht und erklärte über den staatlich kontrollierten Rundfunk, „alle bei den Ereignissen (…) ums Leben gekommenen Frauen wurden identifiziert und den Angehörigen übergeben“.
Ganz anders klingen die Schilderungen einer Studierendenvereinigung der Soziologie an der renommierten Tarbiat-Modarres-Universität in Teheran. Ein Telegram-Beitrag der Gruppe war Auslöser für die Diskussion. Sie berichtete von einer Leichenhalle am südlichen Rand der Stadt und stellte laut dpa die Frage: „Wer waren diese fünfzig Frauen, die bis heute im Leichenschauhaus der Stadt Teheran verblieben sind?“
In dem Bericht finden sich detaillierte Schilderungen: „Eine Frau hatte ihre Zähne stark zusammengebissen, und ihr ganzes Gesicht war von Blut überströmt. Angst und Wut waren weiterhin in ihrem Gesicht zu sehen“, hieß es. Die iranische Rechtsmedizin teilte mit, dass ihr ein Besuch der Studierenden in der genannten Leichenhalle nicht bekannt sei.
Tausende Tote nach Protesten im Iran: Krankenhäuser, Leichenhallen und Friedhöfe überlastet
Die jüngste Protestwelle begann Ende Dezember zunächst als Reaktion auf die Wirtschaftskrise im Iran und entwickelte sich in kurzer Zeit zu landesweiten Demonstrationen. Anfang Januar gingen tausende Menschen auf die Straße, bevor die Proteste gewaltsam beendet wurden.
Nach Angaben des in den USA ansässigen Menschenrechtsnetzwerks HRANA sollen dabei mehr als 7000 Menschen ums Leben gekommen sein, darunter rund 6500 Demonstrierende. Über 11.000 weitere Fälle müssten noch geprüft werden, so die HRANA. Zudem seien laut der HRANA über 50.000 Menschen festgenommen worden.
Unter anderem The Guardian berichtete darüber, dass Krankenhäuser, Leichenhallen und Friedhöfe während der Proteste überfordert waren. Es heißt, dass zum Teil Lastwagen mit Leichen zurückgeschickt werden mussten. Mehrere Zeugen vermuten oder bekamen vom Friedhofspersonal mit, dass iranische Behörden Massenbestattungen geplant hätten.
Iran dementiert höhere Opferzahlen – und redet von US-Söldnern statt Protestierenden
Iranische Behörden reden offiziell nicht von Protesten und deren Repression, sondern von Angriffen durch von den USA und Israel unterstützte Söldner. Staatliche Stellen sprechen von insgesamt 3117 Todesopfern. Von diesen seien etwa 2900 identifiziert worden, meint Seradsch laut der Ilna. Stimmten die höheren Zahlen der HRANA, wäre nur ein Bruchteil der Toten in der offiziellen iranischen Liste identifiziert.
